‘Gaskammer-Kunst’ gestoppt
Ein Projekt des spanischen Künstlers Santiago Sierra in Pulheim bei Köln löst in Deutschland große Empörung aus. Sierra verband am Sonntag die Auspuffrohre mehrerer Autos durch Schläuche und leitete die giftigen Abgase in eine frühere Synagoge. Anschließend konnte das Publikum mit Gasmasken das Gebäude betreten. Sierra will mit seiner bis 30. April wöchentlich geplanten Aktion «245 Kubikmeter» die Banalisierung des Gedenkens an den Holocaust anprangern. Für den kommenden Sonntag wurde angesichts der heftigen Proteste die Aktion ausgesetzt. Man habe sich dazu auf Anregung der Kölner Synagogengemeinde entschlossen, sagte ein Sprecher der Pulheimer Stadtverwaltung. Die Synagogengemeinde hatte ihrerseits von großen Protesten in Israel und den USA gegen die Installation des spanischen Künstlers Santiago Sierra berichtet.
Der Sprecher sagte, ob die Kunstaktion komplett abgesagt wird, stehe noch nicht fest. Dies hänge vom Ausgang der Gespräche zwischen dem Künstler und mehreren ihn kritisierenden Organisationen ab.
Die Stadt Pulheim hatte zuvor die Auffassung vertreten, wer ein monströses Verbrechen beschreibe, beleidige die Opfer nicht. Die Stadt bedauerte aber, dass sich Menschen verletzt fühlten.
Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, bezeichnete Sierras Kunstprojekt als «skandalös». Es sei eine «niveaulose Provokation auf Kosten der Opfer des Holocaust». Kramer warf dem Künstler schamlosen Missbrauch der Kunstfreiheit vor. «Das fiktive und geschmacklose Kunstspektakel verletzt nicht nur die Würde der Opfer des Holocaust, sondern der jüdischen Gemeinschaft.»
Der Präsident der Akademie der Künste, Matthias Flügge, sagte, Sierra probiere seit einigen Jahren die Grenzen der sozialen und ethischen Akzeptanz von Kunst aus. «Dabei sind herausragende Arbeiten entstanden, aber auch - wie offenbar in diesem Fall - solche, die das Kunstfreiheitsgebot des Grundgesetzes mit einem gesellschaftlichen Werte-Konsens in einen kaum lösbaren Konflikt bringen.» Die Verantwortung trügen alleine der Künstler und die Veranstalter. Banalisierungen schaffe man nicht durch Banalitäten aus der Welt, fügte er hinzu.
Der Schriftsteller Ralph Giordano forderte den Abbruch der Kunstaktion. Diese sei eine «Niedertracht sondergleichen». Giordano, selbst Überlebender des Holocaust, beklagte, den Opfern des Holocaust und den Überlebenden bleibe «wirklich nichts erspart». Auch eine gute Absicht, «sollte er sie denn haben», entschuldige Sierra in seinen Augen nicht, sagte Giordano. Dem Bürgermeister von Pulheim-Stommeln riet er, «dem Spuk ein rasches Ende zu bereiten».
Der Vorsitzende des Kulturausschusses im Bundestag, Hans-Joachim Otto (FDP), betonte, die Politik müsse sich zwar in der Bewertung von Kunst in Zurückhaltung üben. Dennoch regte er einen unverzüglichen Abbruch des Projekts an. Otto sagte, die Aktion überzeuge ihn nicht, sie sei selbst eine Banalisierung des Holocaust und verletze offensichtlich die Gefühle der Überlebenden.
Auch die nordrhein-westfälische Landesregierung kritisierte das Kunstprojekt. Die Kunst sei zwar frei, sagte Regierungssprecher Thomas Kemper (CDU). «Aber Sierra muss sich fragen lassen, ob er, statt gegen die ‘Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust’ zu arbeiten, nicht Opfer des Holocaust verletzt und den Holocaust banalisiert.» Die Reaktionen auf die Aktion zeigten, dass Sierra mehr Missverständnisse provoziere als Verständnis für die Opfer des Holocaust erwecke.
kulturforum-koeln.de
März 14th, 2006 at 17:16
die aktion ist selbst banal und platt, die provokation geht in der tat auf kosten der opfer oder warum wurde nicht ein täter-gebäude gewählt?